Entdeckungen und Fundamente des Protestantismus
Befreiung als Urerlebnis des Glaubens
Evangelische verhalten sich seit der Reformation unmittelbar zu Gott. Sie machen sich nicht abhängig von einer Heilsinstitution oder bestimmten rituellen Handlungen. In dieser Unmittelbarkeit vor Gottes Angesicht ergibt sich eine tiefe Selbstverantwortung.
In seiner bekannten Schrift „Von der Freiheit des Christenmenschen“ (1520) machte Luther deutlich, dass sich nach dem Zeugnis des Evangeliums die Freiheit einer Person und ihre soziale Verantwortung nicht voneinander trennen lassen. Es ist daher immer zu fragen: „Frei wovon?“ und „Frei wofür?“.
Rechtfertigung, die freie Gnade Gottes
Für den evangelischen Glauben ist die Botschaft von der freien Gnade Gottes ein entscheidendes und befreiendes Element. Theologisch wird sie die Botschaft von der Rechtfertigung des Menschen durch Gott genannt. Sie ist die Botschaft, dass Gott den Menschen aus freier Gnade annimmt und, dass der Mensch diese Annahme weder durch besonderes Wohlverhalten oder durch „gute“ bzw. religiöse Leistungen erzwingen oder fördern kann.
Aufgrund dieser Unterscheidung zwischen der Person und ihren Taten gibt es für jeden Menschen die Möglichkeit eines Neuanfangs. Die Gnade Gottes erschließt sich auch vom Kreuz Christi her, dem Symbol der Menschwerdung Gottes und seiner Vergebung.
Die Gnade Gottes erschließt sich nur aus dem Glauben.
Nicht der Mensch selbst, nicht seine guten Taten oder Werke, nicht irgendetwas bringen den Menschen Gott näher, sondern allein sein Glaube und allein Gottes freie Gnade.
Diese plötzliche Gewissheit hat Luther später als sein „Thurmerlebnis“ charakterisiert (wahrscheinlich zwischen 1515 und 1518 zu datieren). Der entscheidende Satz aus der alleinigen Quelle, der Bibel, steht im Römerbrief im 3. Kapitel, Vers 28.
Das vierfache „Allein“ oder die vier „Soli“
Diese reformatorischen Wiederentdeckungen der zentralen biblischen Botschaft werden seither von der protestantischen Theologie immer wieder in den Vordergrund gestellt.
Solus Christus, sola scriptura, sola gratia und sola fide - allein Christus, allein die Schrift, allein die Gnade, allein aus Glauben sind die maßgeblichen Grundlagen.
Luthers „Sola“-Theologie hatte weit reichende Konsequenzen für die Theologie und das kirchliche Leben. Sie war Anstoß für viele Entwicklungen der Neuzeit und Moderne.
Festzustellen ist aber, dass diese Theologie beides in sich enthält: Freiheit und Bindung!
Eine absolute Freiheit oder ein grenzenloser Liberalismus, ein extremer Individualismus in Egoismusnähe oder eine ungebremste freie Marktwirtschaft kann es demnach nicht geben. Hier wird der evangelische Glaube oft falsch interpretiert.
Dort, wo die Bindung an Jesus Christus fehlt, Gott selbst also ausgeklammert wird, wird dieses Defizit durch nicht gewünschte Entwicklungen gefüllt.
Es geht der evangelischen Kirche und Theologie vor allem darum, dass angesichts der gegenwärtigen Entwicklungsdynamik Freiheit und Verantwortung, Selbstbestimmung und Solidarität in eine neue Balance gebracht wird.
Der Grundsatz „allein Christus“ ist auch eine reformatorische Absage an die Heiligen- und Marienverehrung als so genannter niederer Kultus, wie wohl diesen besonderen Menschen hohe Anerkennung und Bewunderung seitens der evangelischen Gläubigen gezollt wird.
Verfasst von Redaktion am 11. Oktober 2007 - 12:44.- Anmelden oder Registrieren um Kommentare zu schreiben
