Die Geschichte der Heilandskirche - Vom Toleranz-Bethaus bis heute

1781

Das Toleranzpatent 1781 von Kaiser Josef II. beendet die Zeit der Gegenreformation und des Verbots, in Österreich evangelisch zu sein (Dieses hatte von 1600 bis 1781 Bestand). Den Evangelischen wird von nun an zumindest die „private Ausübung ihrer Religion“ erlaubt („toleriert“), freilich mit wesentlichen Einschränkungen: zum Beispiel darf das Gotteshaus nicht als Kirche erkennbar sein, muss also wie ein „normales“ Gebäude mit Betsaal aussehen – ohne Turm, Portal und Kirchenfenster.

1821

Es gibt 271 Evangelische in Graz – zu wenige, um nach den Auflagen des Toleranzpatentes eine eigene Pfarrgemeinde gründen zu dürfen. Sie konstituieren sich am 15. April 1821 daher als Filiale der nächstgelegenen Pfarrgemeinde Wald am Schoberpass und feiern mit ihrem ersten Pfarrer Michael Biberauer (1821 – 1858) vorerst in der angemieteten Augustinerkirche (heute Stiegenkirche) ihre Gottesdienste.

1824

Der Seilermeister Johann Kirste kauft auf dem Holzplatz vor der Stadt (heute Kaiser-Josef-Platz) einen Baugrund, schenkt ihn der Gemeinde und stiftet 5.000 Gulden für den Bau eines Bethauses.

Am 6. April 1824 beginnt die kleine Gemeinde mit dem Bau eines dreigeschossigen Gebäudes in der Art eines Biedermeier-Wohnhauses mit durchgehendem Walmdach.

Von außen ist das heute noch erkennbar, wenn man die drei Fensterreihen des rückwärtigen Teiles über die gesamte Glacis-Fassade des Gebäudes verfolgt. Das Gebäude enthielt Wohnungen für den Pfarrer, den Kirchendiener, den Lehrer und ein Schulzimmer (die spätere Evangelische Mädchenschule, das heutige Martin Luther-Haus) und einen großen, hohen Betsaal. Die Pläne dazu verfasste Baumeister Michael Marek. Am 10. Oktober 1824, nach nur sechs Monaten Bauzeit, wird das Bethaus eingeweiht.

Der Betsaal ist ein fünfjochiges Langhaus mit Gewölben, zwei Emporen an der Ostseite und drei, dem auferlegten Wohnhaus-Charakter entsprechend, übereinander liegenden Fensterreihen. In den Saal gelangte man damals durch die Haustür, den Flur und einen Eingang, ungefähr an der Stelle des heutigen Wandaltars. Der 1829 nachträglich eingebaute Altar stand platzseitig, wo sich seit 1853 Kircheneingang und Orgelempore befinden.

Die Kanzel war ursprünglich zwischen dem ersten und dem zweiten Fenster, unmittelbar rechts des heutigen Eingangs. Ihre Tafel trägt die Inschrift: „Ev. Joh. cap. IV v XXIV“ (Johannes Evangelium, Kap. 4, Vers 24: „Gott ist Geist und die ihn anbeten müssen, ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten“).

1853

Das Toleranz-Bethaus wird umgebaut. Es erhält außen und innen die heutige Gestalt der Heilandskirche mit ihrem Turm, dem Eingangsportal auf Platzseite und hohen Kirchenfenstern. Der Innenraum behält seinen Charakter, wird aber wegen der Errichtung des Portals umgedreht.

Wandaltar und Kanzel kommen an ihren heutigen Ort, die Orgelempore wird eingebaut. Der Architekt ist Franz Zehengruber, ein 24jähriger Baumeistersohn aus Wien, der zwei Planungsaufträge in Graz erhielt: das Hotel Erzherzog Johann und die Heilandskirche.

Die Orgel

1850 erhält noch das Bethaus die erste Orgel, gestiftet von Emilie Péché d’Aubigny von Engelbrunner, die aus einem alten Hugenottengeschlecht stammte. Gebaut wird die Orgel von der Wiener Firma Ullmann.

1908 wird eine neue Walkerorgel eingebaut. Sie war die bedeutendste Orgel in Graz und hat mit der Kantorei der Heilandskirche in hervorragender Weise die protestantische Kirchenmusik in Graz eingeführt.

1977 erhält die Heilandskirche ihre dritte Orgel. Das klassizistische Gehäuse und der Prospekt der Walker-Orgel von 1908 werden belassen und restauriert, das Orgelwerk zur Gänze von der Grazer Orgelbaufirma Johann Krenn’s Witwe & Söhne erneuert. Das Orgelwerk wird händisch in Form einer Schleifwindladen-Orgel mit rein mechanischer Spiel- und Registertraktur gebaut. Haupt-, Brust- und Pedalwerk vereinen 21 Register mit 1.443 Pfeifen. Die Disposition der Orgel stammt von Kantor Prof. Martin Hopfmüller aus Oberschützen. Die Orgel dient neben dem Gottesdienst der Gemeinde auch zahlreichen Konzertaufführungen.

1856

Am 18. Februar 1856 wird Graz eine selbstständige Pfarrgemeinde. Zu ihr gehören nicht nur die Evangelischen des ganzen Stadtgebietes, sondern auch jene in der Ost- und Weststeiermark. Erst in einem fast hundertjährigen Prozess entstehen durch Gemeindeteilung die weiteren Gemeinden - auf Grazer Boden am rechten Murufer die Kreuzkirche (1910) und Eggenberg (1923), dann linkes Murufer-Nord (1951), sowie die Pfarrgemeinden in der Ost- und Weststeiermark.

Das Protestantenpatent 1861 von Kaiser Franz Josef I. hebt die Einschränkungen des Toleranzpatentes von 1781 auf und schreibt den Evangelischen die Gleichberechtigung zu. Anlässlich des Jubiläums “200 Jahre Toleranzpatent” beschließen Gemeindevertretung und Presbyterium 1981 die Sanierung aller Gebäude, zunächst den Umbau der ehemaligen Mädchenschule im ersten Pfarr- und Schulhaus aus dem Jahr 1824 zu einem Gemeindezentrum für Gemeinde-, Jugend- und Studentenarbeit, Kirchenmusik und Bildungsarbeit.

1983

Am 5. November 1983, wird anlässlich des 500. Geburtstages Martin Luthers (geb. 10.11.1483), das „Martin Luther-Haus“ durch Carl Mau, den Generalsekretär des lutherischen Weltbundes in Genf, eröffnet.

Es soll ein Haus der Begegnung und Gemeinschaft sein, eine Heimstätte des geistigen und geistlichen evangelischen Lebens in unserer Stadt, offen für die Ökumene der Kirchen und für die Zusammenarbeit mit allen, die in großen und kleinen Engagements um die Bewahrung der Schöpfung Gottes und eine lebenswerte Zukunft der Menschen ringen”, sagt Pfarrer Othmar Göhring in seiner Festrede. Damit wird ein geeigneter Raum für die evangelische Gemeinschaft geschaffen: für Feiern, Bildung, evangelische Theologie, Ökumene, soziales Engagement, Kirchenmusik und auch für geselliges Beisammensein.

1988

Es kommt zu einer vollständigen Außenrenovierung der Kirche mit Sanierung des Daches und Restaurierung der Fassaden und des Portals nach den Plänen von 1853.

1992

1992 wird die Kirche innenrenoviert mit Erneuerung der Böden von 1824, der Kirchenbänke und sämtlicher technischer Einrichtungen, mit neuer, heller Färbelung, der Restaurierung des Wandaltars von 1829 und der Kanzel.

Der Eingangsbereich bekommt eine Glas-Messing-Konstruktion, der Altarraum wird geweitet für liturgische Dienste, Konzerte und Diskussionen und mit der „Wort und Sakrament“ repräsentierenden Dreiheit – Taufbecken, Tischaltar und Ambo – gestaltet.

Die vier, jeweils in den liturgischen Farben des Kirchenjahrs gehaltenen Altarraumteppiche und Paramente sind von Edda Ruckenbauer entworfen und gewebt.

„Lernen wir miteinander zu leben, nicht gegeneinander“: Die alte, an die Gefallenen der beiden Weltkriege erinnernde Gedenktafel neben der Kanzel erhält einen Glasprospekt mit der Inschrift des Presbyteriums von 1992.

„Transparenz des Raumes“ ist der Leitgedanke der neuen Heilandskirche. Die Färbelung bringt die Struktur des Raumes, die Wände, Säulen und Gewölbe des Toleranz-Bethauses von 1824 zum Vorschein. Der ganze Raum ist „durchsichtig“ – hin auf das Christusbild.

Die gesamte Konzeption zunächst des Martin Luther-Hauses, dann der Außen- und Innenrenovierung der Kirche, einschließlich der Entwürfe für Tischaltar, Tischkreuz, Taufbeckengestell, Ambo, Leuchten, Kirchenbänke und Eingangsbereich, stammt von Architekt Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Werner Hollomey.

Am 30. Oktober 1992 findet die feierliche Eröffnung der neuen Heilandskirche anlässlich des Reformationsfestes statt: Die Einweihung nimmt Superintendent Prof. Ernst-Christian Gerhold vor; anschließend wird Prof. Herbert Blendingers Kantate „Mich ruft zuweilen eine Stille“ uraufgeführt.

1993

Farbenfenster aus Antikglas erhält die Heilandskirche im Oktober 1993. Die künstlerische Gestaltung stammt von der Grazer Künstlerin Edith Temmel. Hergestellt werden sie von der Glaserei des Zisterzienser-Stiftes Schlierbach in Oberösterreich.